© Denis Dalmasso

Es ist die Zeit gekommen, wo sich die Spreu vom Weizen trennt. Corona hat nicht viel verändert. Corona hat alles verändert. Wer auch nur die geringste Vorstellung davon hat, ein wie hoher Turm, aufgestapelt aus 200-Euro-Banknoten, sich ergibt, wenn man das EU-Wirtschaftpaket von 750 Milliarden Euro rechnet, und wie hoch der Stapel ist, wenn man das von der österreichischen Bundesregierung zu bewegende Wirtschaftspaket von 38 Milliarden hochrechnet, der mag versuchen, das Leid, das entsteht, wenn 580.000 Menschen über Nacht hierzulande arbeitslos werden, sich bildhaft vorzustellen: Der Stapel für die EU ist 375 Kilometer hoch, der für Österreich immerhin 19 Kilometer. (Gerechnet ist der Stapel übrigens in 200-Euro-Scheinen. Weil die Europäische Zentralbank und die Kräfte in der Union nicht wünschen, dass wir weiterhin – unkontrollierbar und daheim – 500-Euro-Scheine horten. Was den Stapel ums Zweieinhalbfache höher macht.) 

Und das ist nun die alles entscheidende Frage dieser Krise: Sie reduziert sich auf Moral. Auf unsere Einstellung zum Leben. Auf unseren Umgang mit den Alten. Georg Kapsch, der dieser Tage scheidende Präsident der Industriellenvereinigung, monierte und kritisierte den Shutdown öffentlich. Ich habe mir erlaubt, das mit einer einfachen Frage zu repostieren. Natürlich habe ich bis dato keine Antwort von Kapsch bekommen. Es gibt Statements, da brauchst du keine Antwort mehr. Die beantworten sich von selbst. Meine Frage lautete: „Wie viel, Herr Magister Kapsch, ist das Leben Ihrer Mutter wert? Vier Prozent Umsatzrückgang? 17,2 Prozent Renditeverlust? Das Leben meiner Mutter, Herr Kapsch, ist unbezahlbar.“

Die daraus entstehende Diskussion, dass aber auch 580.000 Arbeitslose – volkswirtschaftlich betrachtet – einen Wirtschaftsschaden dem Staat zufügen, der volkswirtschaftlich betrachtet 25.000 Todesfällen (im erwerbsfähigen Alter) entspricht*, habe ich schlicht als politisch unkorrekt empfunden. Und wenn die Zahl stimmt, dass wir uns 60.000 Tote in Österreich deshalb erspart haben, weil wir als zweitbeste Nation weltweit schnell und effizient gehandelt haben, bedeutet das für jene, die so wie ich denken, dass wir einfach das Richtige zum richtigen Zeitpunkt auf schnellste Art und Weise getan haben. 

Auf eine triviale Ebene – zehn Stufen tiefer – heruntergebrochen, muss sich jeder für sich selbst die Frage stellen, was noch politisch korrekt ist in Zeiten wie diesen ist. 

Ekaterina und ich waren dieser Tage mit der Frage konfrontiert, ob man bei einem TV-Gossip-Magazin mitmachen darf. In dem es um Luxus, um Lifestyle, um Geschmack, aber auch um Hedonismus und Besitz geht. 

Darf man als betuchtes Paar bei einem Sendeformat wie „Shopping Queen“ mitmachen? Noch dazu in der Luxus-Ausgabe? Dem Millionärs-Format? Sich in die Fänge des Wortakrobaten und schonungslosen „Ich bin so wie ich bin und sage die Wahrheit, ohne Rücksicht auf Verluste, denn nur das bringt Quote“ Guido Maria Kretschmer freiwillig begeben? Sich dem ausliefern? Der sich dann verbal über die von ihm Eingeladenen hermacht? Mit wohlgesetzten, freundlichen und liebevollen Worten bei der Aufzeichnung, mit bissigen, rücksichtslosen, zynischen, teils mobbenden Kommentaren, die dann in der Sendung kommen? 

Ich habe den Typen immer für witzig gehalten. Bin erstmals richtig aufmerksam auf den geworden, als er bei der Show „Das Supertalent“ in der Jury saß und sich dort, wie man bei uns in Österreich sagte, partout um nichts scherte. Und einfach frei von der Leber weg formulierte.

Momentan hat er freilich ein Problem: Der von der Quotenschwunderitis Gepeinigte muss irgendwas tun, um die sinkenden Seherzahlen des beliebten Einkaufsformats wieder hinzubiegen, den Abwärtstrend umzukehren. Wir alle wissen (Siehe „Wetten dass..?“), wie schwer das ist. Und dieser Herausforderung muss sich auch ein Kretschmer beugen: Die Quote ist gnadenlos. Gegen die Quote bist zu chancenlos. Also muss Gepfeffertes her.

Im Oktober des vorigen Jahres haben sie uns dann drangekriegt. Ekaterina war durchaus geschmeichelt, dass sie zur neuen „Millionärs-Shopping Queen“ eingeladen wurde, ich habe mich (sonst geht die nämlich nicht freiwillig mit mir einkaufen) breitschlagen lassen, den Shopping-Begleiter zu spielen. Drei Tage dauerte der Dreh. Täglich von acht bis 23:30 Uhr. Stress pur. Als TV-gewieftes Society-Couple ahnten wir schon, was man unter keinen Umständen tun darf. Zum Beispiel, wenn sie dich diese Louis Vuitton-Tasche aus dem Kasten nehmen lassen, irgendeinen Preis zu nennen. Dann hast du schon verloren. Und wenn du das nicht tust, dann kannst du die zwingen, dass Kretschmer himself nach dem Blick in den Kleiderschrank herausprustet: „Da stehen aber jetzt ein paar Hunderttausend in diesem Kasten.“ Weit weniger peinlich, wenn er das sagt, als wenn man das aus unseren Mündern kommt. 

Dazu eine kleine Statistik: Auf acht Millionen Österreicher kamen laut „Global Wealth Report 2019“ Ende 2019 313.000 Dollar-Millionäre oder 4,4 Prozent der heimischen Bevölkerung. Und neun Milliardäre. Die Millionäre entsprechen also der Einwohnerzahl von Linz und Innsbruck zusammen. In Deutschland liegt die Zahl – einwohnermäßig bedingt – beim Zehnfachen. 

Das ist also eine große Gruppe von Menschen. Denen das Fluidum des Außergewöhnlichen anhaftet. Jeder will wissen: Wie leben die, wie denken die, wie ticken die. Und das schafft Quote. Ich habe dazu eine kleine Anekdote erlebt. Es begab sich vor fast 40 Jahren, dass ich den reichsten Werbeagenturchef der Welt durch Zufall auf einem Kreuzfahrtschiff kennenlernte. Und als er mir seinen Namen nannte und ich verstand, dass dieser Mann gerade eine Milliarde Dollar für sein Unternehmen kassiert hatte, erstarrte ich. Einerseits vor Ehrfurcht, zum anderen vor Respekt und zum Dritten aus bewundernder Ungläubigkeit. Er begriff in der Sekunde, dass ich zögerte, ob so einer wirklich aus Fleisch und Blut ist. Und in seinem feinsten Englisch entlarvte er alle seine Artgenossen: „Ich verrate Ihnen jetzt ein großes Geheimnis, Mister Mucha“, meinte er. „Ich rülpse und furze genauso wie alle anderen Menschen auf dieser Welt.“ 

Damals habe ich die Angst vor der „außergewöhnlichen Liga der Gesellschaft“ abgelegt. Meinen Respekt freilich behalten. Vielleicht ahnen Sie jetzt, warum Ekaterina und ich es als durchaus amüsant empfunden haben, bei so etwas einmal mitzumachen. Alles Weitere sehen Sie, wenn Sie „Shopping Queen“, ausgestrahlt am 21.6., googeln und sich das zu Gemüte führen. Ich darf meiner Frau gratulieren, dass sie die Königskrone einheimsen konnte. Ich bin stolz auf sie. Und darauf, dass sie so bodenständig geblieben ist.

 

Christian W. Mucha